Beobachtungen zu den Arbeiten von Julia Hansen

„[…] Nunmehr war und ist zu erleben, wie sie sich tastend, mit strenger Eigenwilligkeit und niemandem zum vordergründigen Gefallen auf ihre Vision von der großen Form zubewegt.
Am deutlichsten dürfte das auch für den uneingeweihten Betrachter bei den aus Polysterol mit Hilfe von Nadeln und Wachs gebauten Figurationen werden, die davon träumen, als in Beton gefügte und natürlich größer dimensionierte Paare und Gruppen in Architektur- oder Landschaftsräumen aufzugehen und Zeichen zu setzen. Letzteres tun sie jetzt schon, noch filigran und mit der Leichtigkeit von aus der Zeichnung, über die Fläche entwickelter Skulpturen. Auch in den großen Zeichnungen der ‚Liegenden‘, die eigentlich Collagen sind, untersucht Julia Hansen in den lagernden oder schwebenden Torsi mit sparsamsten Mitteln (grauem Acryl, Graphit und Kohle), wie Bewegung eine Verschiebung der meist ja doppelt vorkommenden Körperteile und -massen bewirkt, eine Veränderung von Linien, Flächen und Räumen. Der hohe Abstraktions- bzw. Reduzierungsdrang ihrer Arbeitsweise, die Absicht, nichts ab- oder nachbilden zu wollen, sondern etwas Neues, nicht einfach Wiedererkennbares zu schaffen, das als Form erst kennengelernt werden will, zeigt sich schon und vielleicht sogar am deutlichsten bei den frühen Bronzearbeiten, den ‚Büsten‘ und Reliefs. Büsten unter Weglassung des Kopfes glaube ich, bisher nicht gesehen zu haben; und die Reliefs, die dasselbe Thema fast zweidimensional wie Steinzeichnungen angehen, muten am Ende wie Perspektivskizzen mittelalterlicher Sakralarchitektur an.
Alles in allem ist Julia Hansen seitdem dabei, sich eine eigene, eigenwillige bildhauerische Ikonografie für das Menschenbild zu schaffen – dem aus meiner Sicht ungebrochen wichtigstem Zielpunkt von Skulptur und Plastik seit der Antike. Das ist eine ernste und nicht gerade leichte Aufgabe: dabei vom Körper zu kommen und ihn in gewollter Form gleichsam aller gefälligen Erscheinungsweise zu entkleiden […].“

Ulrich Rudolph, Kunstwissenschaftler, August 2012

Zur Eröffnung der 205. Ausstellung in der Inselgalerie, Berlin, Torstraße 207 am 08.08.2013

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Julia Hansen, Antje Taubert
Geordnetes Paar
Fragment | Konstrukt | Ornament

Eine angenehm kühle und frische Ausstellung, hell und klar die Werke beider Künstlerinnen. Sie kennen und schätzen sich seit ihrer Studienzeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Julia Hansen hatte Bildhauerei bei Inge Mahn und Berndt Wilde belegt, dessen Meisterschülerin sie dann wurde. Antje Taubert studierte Malerei und Zeichnung bei Werner Liebmann und Hanns Schimansky, bei letzterem absolvierte sie ihre Meisterschülerzeit. Vor 10 Jahren gehörten beide noch zu den Künstlerinnen unter 30. Heute haben sie sich in ihren jeweiligen Sparten als starke Persönlichkeiten ausgewiesen. Julia Hansen hat bereits als Studentin einen Preis für eine Gestaltung im öffentlichen Raum erhalten, inzwischen sind mehrere weitere hinzugekommen. Das ist umso bemerkenswerter, als beide haben nicht immer günstige Bedingungen für ein kontinuierliches künstlerisches Arbeiten haben.

Die Malerin und Zeichnerin Antje Taubert widmet sich kulturellen Themen und Phänomenen wie Haus und Landschaft, Heimat, Identität, Märchen und Folklore gewidmet.
Auch Gebrauchsgegenstände, Konsumartikel, historische Objekte oder Lektüren geben ihr Anstöße zu neuen Bereichen und Motiven. Sie erobert sie sich durch intensives Zeichnen, immer dicht an den realen Erscheinungen als visuellem Ausgangspunkt. In ihren Gemälden jedoch kehren diese Motive dann abstrahiert und verfremdet wieder.
Mit der neuen Werkgruppe „Moskauer Konfekt“, die das Gros ihres Ausstellungsbeitrags bei uns ausmacht, verhält es sich genauso. Zum dritten Mal nach den Moskauer Plätzen und der Bilderreihe Smaragdpalast nach dem Märchen von Alexander Wolkow folgt sie damit ihrem Interesse für russische Kultur.
Ausgangspunkt sind Verpackungsdekore von Konfekt und anderen Süßigkeiten aus der Produktion so bekannter Moskauer Schokoladenfabriken wie „Krasnyj Oktjabr“ oder „RotFront“ – und zwar aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Unter diesen Einwickelpapieren sprachen Antje Taubert vor allem solche an, deren Gestalter in gewissem Maße auf konstruktivistisches und suprematistisches Formengut vorheriger Jahre zurückgriffen. In dem Bild Zucker meine ich sogar, ein seitenverkehrtes Zitat des suprematistischen roten Keils von El Lissitzky zu erkennen.
Die Kunst des Suprematismus geht auf Kasimir Malewitsch zurück und wurde u. a. von El Lissitzky als die künstlerische Entsprechung revolutionärer Ideen nach 1918 weitergeführt. Er war die erste ungegenständliche Stilrichtung in der Sowjetunion. Mittels geometrischer Formen wie Kreis und Kreissegmente, Rhombus, Quadrat, Rechteck sollte die Kunst sich aus der Versklavung durch die Naturformen befreien und modernisieren.
Daß schon bald die suprematistischen und konstruktivistischen Gestaltungsprinzipien in der Sowjetunion in viele Bereiche der Gestaltung vom politischen Plakat bis zum Kunstgewerbe und Verpackungsdesign drangen, ist auch Ergebnis der kunstpolitischen Förderung sog. Künstler-Dekorateure.
Antje Taubert reinigte ihre Konfekt- und Bonbonpapiere von allen typografischen und bildhaften Zutaten, die in den 30er Jahren diese einst revolutionären Gestaltungsprinzipien verunklart und folklorisiert haben. Übrig blieb ein zeitlos geometrisches Gerüst aus farbigen Formen und Ornamenten, das die einstige bahnbrechende Radikalität der Künstler sozusagen in Reinkultur wieder hervorholt.
Entstanden sind kühlfarbige Gemälde mit imposanten geometrischen Ornamenten und Rastern. Russischgrün, ebenso Rot und Blau – in mathematisch berechneten Feldern und allen möglichen Farbstufungen und Helligkeiten – für Antje Taubert ist ein solches Fest der Farben eine wunderbare malerische Aufgabe. Radikal vereinfacht und überdimensioniert gibt sie den realen Einwickelpapieren eine neue ästhetische Existenz in Tafelbildern – kraftvoll, klar, feierlich und zeitlos. Die Süße der eingewickelten Pralinen und Bonbons ist nicht einmal mehr zu ahnen!

Julia Hansen dagegen setzt als Bildhauerin auf gängige und unprätentiöse Materialien wie Papier, Polystyrol, Bronze und Wachs (nicht in unserer Ausstellung) und gar nicht – oder noch nicht? – auf Farbenvielfalt. Sie bleibt vorerst bei den Farben, die ihre Materialien ihr bieten.
Ihre Exponate hier spannen, wegen schwieriger Arbeitsbedingungen während des vierjährigen Aufenthalts in Istanbul, einen großen zeitlichen Bogen bis zu den frühen, in Bronze gegossenen Büsten. Diese stehen am Beginn einer sehr folgerichtigen und schlüssigen Entwicklung der jungen Bildhauerin. Sie verblüfft durch ihre unkonventionelle Interpretation des Themas, das sich seit Nofretete, der Kunst im Alten Rom, der italienischen Renaissance oder seit dem deutschen Klassizismus immer auf eine konkrete Person bezog. Julia Hansen setzt sich kühn darüber hinweg, schließt jede Individualisierung aus. Wo haben wir jemals eine Büste ohne Kopf zu sehen bekommen? Die Büsten werden sowohl zum Schutzpanzer, zum Versteck des Menschen – wovor? – als auch zu einem möglichen Zeichen für Einengung, Gefangensein oder Verlust von Individualität. Und: Sie haben auch ein untergründig aggressives Potential. Diese warmfarben patinierten Torsi verweigern sich einer eindeutigen Interpretation. Sie bergen ein Geheimnis, das uns als Betrachter noch lange beschäftigt. Einige, den Zeichnungen von Antje Taubert zugeordnet, scheinen mit deren strukturierten Wölbungen und Farbklängen im Dialog zu stehen.

Das Infragestellen von Gewißheiten scheint ohnehin Julia Hansens heimliches Thema zu sein. Sie läßt sich von Papier und Polystyrol locken und stellt gern die Verhältnisse von Volumen und Gewicht auf den Kopf. Sie schneidet ihre eigenen Bausteine für ein Spiel aus Papier und Kunststoff. Die Konstruktion solch fragiler Plastiken wie diese Gruppen und Figuren hier aus Polystyrol wird zum Abenteuer mit vielseitigem Ausgang. Verschränkte Formen, die auch als Brücken oder Bögen gesehen werden könnten, Collagen, Ritzungen, Knicke, Prägungen – sie verleihen ihrem wie gefroren scheinenden Material doch eine enorme Lebendigkeit.
Gern würde sie solche Gebilde einmal gießen lassen, aber die Gießer scheuen zurück und der Geldbeutel gibt es auch nicht ohne weiteres her.

Neue Wege der Figur- und Raumerkundung sucht Julia Hansen auch mit ihren Papierarbeiten. Anstelle von sonst üblichen Skizzen oder Bildhauerzeichnungen fertigt sie Drucke und Collagen sowie hier nicht gezeigte Papierreliefs. Auf den fünf großen collagierten Blätter, die wir in diese Ausstellung mit aufgenommen haben, liegen oder besser lagern Figuren, die nur im Ausschnitt erfaßt sind. Ihre Körperfragmente bestehen aus Papierschnitten, in Schichten collagiert und in feinem, noblem Grau gefaßt. Die spröde Binnenzeichnung nimmt diesen Körpersichten jeden falschen Schmelz. Die Blätter changieren poetisch zwischen Körper und Landschaft. Dem gleichen Thema widmen sich Julia Hansens jüngste Hochdrucke. Hergestellt aus mehreren übereinander gedruckten Kunststoffschnitten ist jedes von ihnen ein Unikat.

Es ist mir wirklich eine Freude zu sehen, wie selbstverständlich die Werke von Antje Taubert und Julia Hansen in dieser Ausstellung zusammenwirken, wie sie sich als Geordnetes Paar in ihre Parts teilen. Wir lernen zwei unterschiedlich Sensibilisierte kennen, die das Ziel verbindet, in der Reduktion das Wesentliche zu erfassen.

Ihre Freude am Spiel mit Farben und mit Material wird auf uns Betrachter als Freude des Sehens und Entdeckens überspringen.
Und nun hätten wir alle gern ein Moskauer Eis.

Dr. Gabi Ivan